Die Geschichte der Sinti und Roma
Die Geschichte der Sinti und Roma ist geprägt von Ausgrenzung, Verfolgung, aber auch von Widerstand, Kultur und Überleben. Diese Seite gibt einen Überblick über zentrale historische Entwicklungen und erinnert an Verantwortung für die Gegenwart.
Ursprung und Migration
Die Geschichte von Sinti und Roma beginnt in Nordwest-Indien. Darauf weisen sowohl
Sprachwissenschaft als auch Genetik hin: Wortschatz und Grammatik zeigen indoarische Ursprünge, und
genetische Analysen rekonstruieren den Ursprung der heutigen Bevölkerungen aus einer kleinen
Gründergruppe in Nord-/Nordwest-Indien vor rund 1.500 Jahren.
Der weitere europäische Diasporaprozess setzte über den Balkan ein, ungefähr vor 900 Jahren. Auf dem
Weg nach Europa passierten die Vorfahren Persien/Iran, Armenien und Kleinasien und gelangten
schließlich in den byzantinischen Raum.
Sprache als „Migrationsarchiv“
Die Sprache der Sinti und Roma bewahrt indoarische Wortschätze und Grammatik, trägt aber zugleich
deutliche Kontaktspuren – vor allem griechische (u. a. Zahlwörter, Ableitungssuffixe), balkan slawische/
romanische und in westlichen Regionen auch deutsche Einflüsse. So lässt sich die Wanderung
sprachgeschichtlich nachvollziehen.
Auch die Sprache der Sinti* zeigt eine eigenständige Entwicklung. Besonders prägend sind die
jahrhundertelangen Kontakte mit dem Deutschen – etwa im Wort gaïga für „Geige“.
Sprachliche Schichten bezeugen die Wege der Migration: Neben einem frühen indoarischen Kern gibt es
iranische und armenische Einflüsse; später – mit dem Aufenthalt im östlichen Mittelmeer – deutliche
griechische Spuren. In vielen Sinti und Roma -Sprachen stammen die Zahlwörter 7–9 (etwa efta,
oxto/ochto, enja) aus dem Griechischen.

Frühe Erwähnungen und Ausweisungen
Historische Quellen im Byzantinischen Reich erwähnen Gruppen unter Bezeichnungen wie
Athinganoi/Atsinganoi. Ob diese direkt auf frühe Roma oder Sinti verweisen, ist umstritten; gesichert ist
jedoch, dass der Balkan/Byzanz als Eintrittsraum nach Europa fungierte.
Ab dem 13. Jahrhundert lassen sich Anwesenheiten in Europa belegen, und ab 1400 auch Routen
innerhalb Europas. Bereits um 1450 hatten Sinti und Roma große Teile des Kontinents bereist; parallel
setzten erste Ausweisungen ein.
Mit „Ausweisungen“ sind im frühneuzeitlichen Kontext behördliche Landes- und Stadtverweise gemeint.
Ab den 1490er-Jahren verboten zahlreiche Reichs- und Landesordnungen Sinti und Roma, „durch die
Lande zu ziehen“, untersagten Herberge und Handel und setzten Fristen, das Gebiet zu verlassen. Bei
Zuwiderhandlung drohten Strafen – vom Staupenschlag über Brandmarkung bis hin zur Todesstrafe.
Solche Verfügungen finden sich zeitgleich auch in anderen europäischen Reichen (z. B. Spanien,
Dänemark) und markieren den Übergang von punktueller Duldung zu systematischer Verdrängung.
Gruppenbildung in Europa
Mit der Ausbreitung entwickelten Sinti und Roma eigenständige Sprachen und Kulturen.
In West- und Mitteleuropa etablierten sich die Sinti als eigenständige Gruppe innerhalb der größeren
Gemeinschaft, mit eigener Geschichte, Sprache und Selbstbezeichnung.
Im deutschsprachigen Raum sind sie seit über 600 Jahren nachweisbar; erstmals erwähnt wurden Sinti 1407 in Hildesheim. Heute sind sie in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt – mit eigener Sprache und Kultur, vergleichbar mit Sorben oder Dänen. In Frankreich wird für Sinti oft auch Manuš/Manouche gesagt.
Roma wiederum bilden in Ost- und Südosteuropa vielfältige Gruppen mit eigenen Sprachen und
Traditionen. Ihre Entwicklungen sind eng mit den jeweiligen regionalen Bedingungen verknüpft.
Sklaverei in Südosteuropa
Während sich Sinti vorrangig in West-/Mitteleuropa etablierten, erlebten viele Roma -Gruppen in
Ostmitteleuropa eine besonders harte Entwicklung: In den rumänischen Donaufürstentümern Wallachei
und Moldau wurden ankommende Roma ab dem späten 14. Jahrhundert über Jahrhunderte in
Leibeigenschaft/Sklaverei gehalten.
Die Emanzipation erfolgte erst 1855 (Moldau) und 1856 (Wallachei). Während ehemalige Besitzerinnen
teils entschädigt wurden, blieben den Betroffenen Wiedergutmachung und Integrationshilfen meist
verwehrt. Diese Erfahrung prägte Sozialstruktur, Migrationsmuster und Selbstverständnis vieler Roma
Gruppen bis in die Moderne.
Leben in Mitteleuropa
In Mitteleuropa waren Sinti und Roma in vielen Städten als Handwerkerinnen, Musikerinnen und Metall
arbeiter*innen geschätzt. Genau diese Sichtbarkeit nährte aber auch Neid, Misstrauen und Ausgrenzung.
Von der Frühen Neuzeit an häufen sich Polizeiordnungen, die Mobilität und Erwerbsweisen kriminalisierten; zugleich entstand eine reiche Musik- und Erzähltradition, die bis ins 20. Jahrhundert
reicht.
Der Jazz-Gitarrist Django Reinhardt steht emblematisch für die Verflechtung von Sinti -Kultur und europäischer Musikgeschichte.
Exkurs: Zum Namen „Django“
Oft wird behauptet, „Django“ bedeute in der Sprache der Sinti „ich erwache“. Diese Deutung findet sich
u. a. in Michael Dregnis Biographie. Denis Chang weist jedoch darauf hin, dass Aussprache und
Namensüberlieferung die Herleitung nicht eindeutig belegen. Die genaue Provenienz des Namens bleibt
unklar.
Nationalsozialismus und Nachkriegszeit
Der Nationalsozialismus markiert den radikalsten Einschnitt: Zwischen 1933 und 1945 verfolgten NS
Staat und Verbündete Sinti und Roma systematisch. Historiker*innen schätzen, dass mindestens 500.000
Menschen ermordet wurden.
Nach 1945 blieben Anerkennung und Entschädigung lange unzureichend; in Westdeutschland wurden
NS-Registraturen sogar polizeilich weitergenutzt. Erst 1965 wurde die rassistische Motivation offiziell
anerkannt, 1982 sprach Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord an Sinti und Roma aus.
Gegenwart und Selbstorganisation
Auf lokaler Ebene haben sich auch in Bremen seit den 1980er Jahren Organisationen gebildet, die sich für
die Rechte von Sinti und Roma, gegen Diskriminierung und für Erinnerungskultur einsetzen. Der Bremer
Sinti-Verein e.V. wurde 1987 gegründet und ist Sitz des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma
Bremen.
Der Verein hat seinen Sitz in der Neustadt (Industriestraße 20) und ist Mitglied im Zentralrat Deutscher
Sinti und Roma. Seine Arbeit umfasst Beratung von Betroffenen, Öffentlichkeitsarbeit, Projektarbeit mit Schulen und Gedenkveranstaltungen sowie kulturelle Erinnerung
Zusammenfassung
Aus Nordwest-Indien kommend, entstanden in der europäischen Diaspora über Byzanz und den Balkan
eigenständige Gruppen – darunter die Sinti in West- und Mitteleuropa und die Roma in Ost- und
Südosteuropa. Sprache und Genetik belegen die indischen Wurzeln. Migration, Kontaktzonen und
unterschiedliche Geschichtserfahrungen (z. B. Sklaverei im rumänischen Raum; Holocaust im 20.
Jahrhundert) erklären die heutige Vielfalt.
In Deutschland sind Sinti als nationale Minderheit anerkannt; vielerorts – wie in Bremen und
Bremerhaven – pflegen Vereine Sprache, Kultur und Erinnerung.
Begriffe und Identitäten
Die Diskussion um Bezeichnungen ist historisch belastet und politisch sensibel. Viele Angehörige
bevorzugen Selbstbezeichnungen wie Sinti bzw. Roma. Das Exonym „Zigeuner“ ist im deutschsprachigen
Raum seit dem späten Mittelalter belegt. Ursprünglich wurde es von der Mehrheitsgesellschaft als
Fremdbezeichnung verwendet, ohne Bezug zu den Selbstidentitäten von Sinti und Roma. Seine Herkunft
ist unsicher; Sprachwissenschaftler*innen führen ihn oft auf das griechische Athinganoi zurück – eine
Bezeichnung für eine byzantinische Sekte, die fälschlich auf wandernde Gruppen übertragen wurde.
Andere Deutungen sehen Bezüge zu „Zieh-Gauner“ oder „ziehend“ (Nomadentum). Allen Herleitungen
gemeinsam ist, dass es sich um eine Fremdzuschreibung handelt, die mit Vorurteilen und Abwertungen
verbunden war.
Bereits in frühneuzeitlichen Quellen taucht „Zigeuner“ fast ausschließlich im Zusammenhang mit
Kriminalisierung, Vertreibung und Stigmatisierung auf. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Begriff
pseudowissenschaftlich in der sogenannten „Zigeunerforschung“ und in rassenbiologischen Schriften
verwendet und trug so direkt zur ideologischen Vorbereitung des nationalsozialistischen Völkermords bei.
Auch nach 1945 hielt sich der Begriff in Verwaltung, Polizeiakten und Alltagssprache. Erst seit den 1980er Jahren – durch das Engagement von Bürgerrechtsbewegungen – wird seine diskriminierende Wirkung stärker öffentlich thematisiert.
Ein vergleichbares Beispiel ist das im Englischen verbreitete Exonym „Gypsy“, das auf die falsche
Annahme einer Herkunft aus Ägypten zurückgeht (Egyptian →
Gypsy). Auch dieser Begriff ist historisch mit Stereotypen und Diskriminierung aufgeladen und wird von den meisten Angehörigen abgelehnt.
Heute gelten sowohl „Zigeuner“ als auch „Gypsy“ als abwertend und rassistisch. In offiziellen,
wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontexten sollen sie daher konsequent vermieden werden.
Stattdessen sind die Selbstbezeichnungen Sinti und Roma maßgeblich, die die Eigenständigkeit und Würde der Gruppen respektieren. Zugleich betonen Sinti ihre Eigenständigkeit innerhalb der größeren
Gemeinschaft – und wehren sich gegen pauschale Kategorisierung unter „Roma“.